Donnerstag, 19. Januar 2017

Ich habe die Haare schön!

Ja genau, es sind ganz bestimmt die Haare, die sich in den letzten Wochen am meisten verändert haben!

Ich hatte letzte Woche einen beruflichen Termin mit mehreren Beteiligten. Das letzte Gespräch in dieser Runde war im Juni 2016.
Ich spazierte völlig selbstverständlich in den Klassenraum. Alle drehten sich um und schauten mich ganz irritiert an. Man merkte es in ihren Köpfen arbeiten und man konnte dabei zu gucken, wie ihnen dann einfiel, wer ich bin.
Eine Lehrerin kam auf mich zu und sagte: "Hören Sie Mal, haben Sie eine neue Frisur?" Gab sich im gleichen Atemzug selbst die Antwort: "Ja, haben Sie! Sieht gut aus."
Mein erster Gedanke war: "Ehm, neee. Mehr Ansatz geht doch wohl gar nicht. Friseur ist auch schon wieder 5 Wochen her. Aber ach ja, da war ja was!"
Ich konterte: "Nein, beim Friseur war ich nicht." Die Lehrerin: "Wie? Sieht aber so aus." Die Situation wurde für die Lehrerin immer unangenehmer, weshalb ich dann erklärte, dass ich zwar keine neue Frisur, aber ein wenig abgenommen habe. Reaktion der Lehrerin: "Oh ja, stimmt. Haben Sie Diät gehalten?" Ich so: "Ja, Kohlsuppendiät. Da verliert man schnell mal 53 kg."
Ich löste am Ende auf, dass ich mich habe operieren lassen. Mir ist es wichtig, dazu zu stehen und nicht die Menschen im Irrglauben zu lassen, dass man mal eben in dem kurzen Zeitraum bei einem so hohen Startgewicht so viel abnimmt.

Großartig dennoch dieses Gespräch. Ich muss immer noch lachen, wenn ich daran denke. Es war erkennbar, wie sich alle Beteiligten für die Fragen und Reaktionen der Lehrerin fremd geschämt haben. Ich fand es sehr amüsant.

Ich kenne die Reaktion im Übrigen schon. Obwohl es mein gesamtes Äußeres war, das immer dicker wurde, fragten die Menschen immer wieder, ob ich eine neue Frisur hätte. Es ist ja auch höflicher nach der Frisur, als nach einer Zunahme zu fragen. Nachvollziehbar. Letztlich steckt aber immer die gleiche Botschaft dahinter, die kränkt, egal, wie nett sie formuliert ist. Häufig dachte ich mir einfach: "Einfach Klappe halten!"

Im Rahmen der Abnahme nimmt man die Frage nach der Frisur natürlich nochmal ganz anders auf.
Wobei das wirklich Spannende dabei ist, dass die eigene Abnahme, auch wenn sich das Positive jeden Tag spüren lässt, sehr in den Hintergrund gerät. Das was man wirklich an Speck hinter sich gelassen hat, kann der Kopf nur schwer realisieren und befindet sich nicht täglich im Bewusstsein. Man denkt auch nicht den ganzen Tag daran. Man vergisst schnell, dass einen möglicherweise Menschen schon lange nicht mehr gesehen haben und deshalb natürlich irritiert sind. Die Selbstwahrnehmung ist sehr weit von der Fremdwahrnehmung entfernt.

Eins noch: Ich habe gestern Abend eines meiner Lieblingsmusicals "Der kleine Tag" gehört. In dem Lied "Du bist du - Ich bin ich" singt der kleine Tag im Duett mit einem anderen Tag folgende Zeilen:
Du bist du, wirst nie ein andrer sein.
Dies ist deine Zeit, dies ist dein Leben.
Was dir wichtig ist, entscheidest du allein.
Es kann dich, wie jeden Tag, nur einmal geben.

Lass dir nicht die Zeit vertreiben,
sie kehrt niemals mehr zurück,
deine Zeit muss deine bleiben,
jeden Augenblick.

Du bist du, wirst nie ein andrer sein.
Dies ist deine Zeit, dies ist dein Leben.
Dies ist deine Zeit, dies ist dein Leben.

Ich bin ich, werd nie ein andrer sein.
Dies ist meine Zeit, dies ist mein Leben.
Was mir wichtig ist, entscheide ich allein,
denn mir wird keine Stunde je zurückgegeben.

Ob die andern auf mich zeigen,
ob sie neidisch auf mich sind,
ich werd reden oder schweigen,
wie ich es richtig find.

Ich bin ich, werd nie ein andrer sein.
Dies ist meine Zeit,
dies ist meine Zeit,
dies ist meine Zeit.
Dies ist mein Leben.

Ich mochte dieses Lied schon immer sehr. Eine Botschaft auf den Punkt gebracht eingebunden in eine wirklich schöne Geschichte. Ich habe das Lied gestern nochmal viel bewusster als sonst wahr genommen.
 

Mach es gut liebe Wegbegleiterin!

Liebe Bluse,
ich werde dich vermissen. Ich habe sehr lang darauf gewartet, dich wieder tragen zu können. Du bist nicht besonders, auch nicht besonders schön, aber du hast mir lange Zeit nicht mehr gepasst. Das machte mich sehr traurig.
Ich habe dich damals für die Hochzeit von Bekannten kurzfristig erstanden. Es war außergewöhnlich, da du mehr weiß als schwarz bist. Du warst quasi ein Außenseiter in meinem Kleiderschrank. Ein paar Mal danach hatte ich dich noch an. Auf dem Casinoabend in Italien oder in Dänemark am Strand. Dann wurdest du immer kleiner. Okay, um ehrlich zu sein, wurde mein Körper immer größer, nicht du immer kleiner. Manchmal habe ich dich gar nicht mehr angesehen, weil mir das vor Augen führte, wie viel ich zugenommen habe.
Du hingst neben meinen Band-Tshirts, die endlich wieder passen (fast schon wieder zu groß sind) und so kam es dazu, dass ich dich vor Weihnachten anprobierte. Es spannte insbesondere im Sitzen am Oberbauch, weshalb ich dich wieder zurück hing. Du solltest dort noch ein bisschen auf deinen Tag warten.
Heute morgen fasste ich dich ins Auge. Ich dachte mir, dass du dich zu meiner neuen schwarzen Strickjacke und meinen Chucks, die mir wieder passen (geil!), ganz hübsch machst.
Nun bist du nicht mehr meine Bluse, du bist nun ein viel zu groß gewordenes Stück Stoff. Und trotzdem habe ich dich heute an. Ein aller letztes Mal. Ich habe dich an meinen Körper fest gebunden, damit du mir noch einen letzten Tag die Ehre erweisen kannst. Dein Ausschnitt ist so groß, dass ich dich alle paar Sekunden zurecht zuppeln muss. Ein klitzekleiner Mensch würde sicher noch mit rein passen. Aber das ist mir egal. Wir verbringen heute noch einen schönen Tag zusammen, bis du dich heute Abend in die Kiste zu den anderen viel zu groß gewordenen Stücken gesellen und eine ungewisse Reise beginnen wirst.
Bluse, ich danke dir für die Erinnerung!
Aber lieber Schlauchmagen, sooooo großen Dank, dass du mir viel zu große Kleidung bescherst. Genau das sind die Momente, die die Momente des Zweifelns einholen und verblassen lassen. 
In großer Vorfreude auf die Shoppingtouren,
XXX

Dienstag, 17. Januar 2017

Mein ganz eigenes Drehbuch

Wenn ich an meine Kinobesuche in den letzten Jahren zurück denke, war schon die Buchung immer mit Kopfzerbrechen verbunden. Kein Kinobesuch ohne Platzreservierung! Ganz wichtig: Es musste ein Platz am Gang sein. So war zumindest garantiert, dass man auf einer Seite niemanden neben sich hatte. Das letzte Jahr ungefähr vor der OP musste es dann sogar ein VIP-Sitz (extra breiter) oder aber ein Partnersitz sein, damit man zumindest durch die nichtvorhandene Lehne Platz für den dicken Hintern übrig hatte. Je nachdem in welches Kino es gehen sollte, waren die Bauchschmerzen vorher groß. Was ist, wenn der Sitz einen nicht aushält? Was ist, wenn man aus dem Sitz nicht wieder raus kommt, weil man feststeckt? Im Kino im Centro Oberhausen waren die Sitze immer besonders eng. Manchmal taten mir die Oberschenkel noch zwei bis drei Tage später weh, weil die Getränkehalter sich zwei Stunden lang in die Oberschenkel bohrten. Oder noch peinlicher die Erfahrung im Cinneworld Recklinghausen: In der Eingangshalle befanden sich alte Kinosessel. Tja, bis sie unter meinem Gewicht zu Bruch gingen. Ich habe mich wahnsinnig geschämt. 

Theater oder Musicalbesuche gehörten ebenfalls in die Kategorie "Nichts für Fette". Bloß die Arme möglichst ineinander verschränken, damit man den Nebenmann oder die Nebenfrau nicht den Platz nimmt. Immer wieder der Gedanke: "Nicht zusammen brechen."

Sowohl Kino, als auch Theater und Musicalbesuche habe ich mir nie nehmen lassen. Allerdings waren sie emotional für mich schon Tage davor immer anstrengend.

In der letzten Woche war ich gleich zwei Mal im Kino. Vorher gingen die Gedanken los: "Was ist mit reservieren?", "Wie, nicht am Rand sitzen?" "Hoffentlich sind die Sitze groß genug!"
Aber verdammt, das alles spielt keine Rolle mehr! Na gut, ich kann immer noch nicht lustig auf meinem Stuhl rum rutschen; es gibt auch keinen Platz im Überfluss. Aber im Casablanca haben wir weder vorher reserviert, noch einen Platz am Rand gehabt. Ich konnte sogar die Beine übereinander schlagen und es blieb noch Platz. Ich habe meine Sitznachbarn nicht belästigt. Im UCI in Bochum mussten es auch nicht die VIP-Sitze sein, kein Randplatz und völlige Entspanntheit. 
Im Theater Marl am Samstag ebenfalls Genuss pur. Ich hatte ausreichend Platz und circa alle fünf Minuten einen kurzen Gedanken daran, wir sehr ich diese körperliche Freiheit genieße. Ja, das Theaterstück war richtig gut, aber Platz für diesen schönen Gedanken musste sein.
Es sind Gedanken, die vielleicht nicht jeder nachvollziehen kann, mir aber sehr viel bedeuten.

Seit der OP habe ich oft Steißbeinschmerzen, wenn ich (länger) sitze. Das macht mich zumindest zum Zappelphilipp im Kino und Theater. Das ist schon wirklich nervig für mich und die Menschen um mich herum. Aber hallo?? Dafür passe ich wieder ganz gemütlich in den Sitz! 
Kinos und Theater der Welt? Ich komme so oft ich kann! 

Übrigens wurde Hannelore gestern ebenfalls operiert. Es ist keine OP, die im Zusammenhang mit Übergewicht steht. Ich bin mir aber sicher, dass es eine OP ist, die Veränderungen mit sich bringen wird. Ich wünsche dir meine Liebe, dass du stets glücklich mit diesem Schritt bist und sich alles zum Besten entwickelt. Immerhin warten auf dich erstrebenswerte Dinge, die du natürlich schon immer zu deinem Ziel gemacht hast, du weißt schon!

Montag, 9. Januar 2017

Challenge accepted!

5 Monate und 13 Tage Schlauchi - Die Zeit vergeht wie im Flug. 53 kg Abnahme. Ich bin wahnsinnig stolz auf mich. Zurzeit läuft alles etwas langsamer. Mir fällt es schwer, auf meine Trinkmenge zu kommen und auch das regelmäßige Essen macht mir Schwierigkeiten. Ich vergesse es einfach. Disziplin ist wieder gefragt. Allerdings denke ich auch, dass ich mich einfach daran gewöhnen muss, dass es nach 5 Monaten nicht mehr so rasant geht. 
Sowieso habe ich ziemlich komisch abgenommen bisher. Ich habe das Gefühl mehr Stillstände gehabt zu haben, als Zeit, in der ich abgenommen habe. Meine Haut scheint sich allerdings zu bedanken, denn sie hängt noch nicht so, wie ich es erwartet habe. Vielleicht sind es Ruhepausen, die zur Regeneration beitragen.
Natürlich habe ich Schwabbelbeinchen und Schwabbelärmchen. Die Brüste verschwinden auch nach und nach. Aber jedes Mal denke ich nur, wie schön, ich nehme also weiter ab. Auch wenn die Waage mal nichts neues anzeigt, verändert der Körper sich.

Ein großes Thema ist das Essen gehen im Restaurant. Ich verzichte da keineswegs drauf. Aber spannend ist es dennoch. Ich kann die Frage am Ende nicht mehr hören: "Hat es Ihnen nicht geschmeckt?" "Doch, danke. Bitte packen sie es mir doch ein!" Aber mal ernsthaft, wie sieht das denn auch aus, wenn die Dicke gerade mal so viel isst, das man genau hin gucken muss, um zu erkennen, dass überhaupt etwas gegessen wurde?
Noch gestern haben wir als zwei Operierte eine Chinesin komplett verwirrt. Zunächst unseren Ausweis vorgelegt und die freundliche Frage, ob wir denn etwas vom Buffet zum Kinderpreis haben könnten. Außer ein verwirrtes Lächeln, ein "nein" und ein "vielen Dank" in Endlosschleife kam da nix. Also a la Card. Zu Zweit eine Portion Ente mit Nudeln und wir können immer noch ein paar Mahlzeiten davon essen. "Nein, wir wollen als Vorspeise keine Krabbenchips. Nein, trinken geht auch nicht. Keinen Nachtisch, danke." Die arme Chinesin. "Vielen Dank."

Das letzte Wochenende hat mich wieder die ganzen körperlichen Veränderungen spüren lassen. 
Freitagnacht war ich tanzen. Es sollte erwähnt werden, dass ich bis zu meinem 28. Geburtstag noch nie zuvor eine Disco besucht habe. Davor gab es zwei Ü100 Partys im Oktober und November. Anfang Dezember dann mein erster Discobesuch. Letzten Freitag mein zweiter. Ich liebe es so sehr. Schon immer habe ich auf diesen Tag meines ersten Discobesuchs gewartet. Gefangen in meinem Körper hat sich dies aber nicht ergeben. Zurzeit kann das nächste Mal für mich gar nicht schnell genug kommen. Gegen Mitternacht haben wir den Schuppen erreicht. Ohne Pause getanzt bis morgens. Ich war sehr irritiert. Keine Fußschmerzen und immernoch Energie für 10 am nächsten Tag.
Das obwohl ich seit circa zwei Wochen renoviere. Das hätte ich niemals vor 5 Monaten durch gestanden. Mal abgesehen von meinen nicht vorhandenen handwerklichen Fähigkeiten, ist körperlich keine Müdigkeit zu erkennen.
Gestern war ich baden. Überwältigend wieder bequem darein zu passen und zu wissen, dass man auch wieder daraus kommt, ohne festzustecken. Es darf sogar mehr als eine Tasse Wasser sein. 
Seit Längerem achte ich immer wieder auf meinen Gang. Auch wenn ich noch einen dicken Hintern habe, ist er schon ein bisschen geschrumpft. Ich strecke den Hintern beim Laufen aber immernoch aus Gewohnheit raus und muss mich dann selbst kaputt lachen, wenn ich mir vorstelle, wie das gerade aussehen muss. 
Mir fehlt es auch an der realistischen Einschätzung, wenn ich mich irgendwo durchquetschen will. Vor jeder Lücke denke ich mir vorher: Wie passt du dadurch, ohne unangenehm aufzufallen, alles mit dir mitzureißen oder zu fragen, ob man Mal durch könnte? Plötzlich die Erkenntnis: Es hat gepasst und es war sogar noch Platz. 
 
Im neuen Jahr will ich weiter angreifen. Das Ziel trug ich seit Jahren mit ins neue Jahr. Auch das Blei gießen wusste mir zu sagen: "Machen Sie Diät." Es erscheint mir realistischer als je zuvor, auch tatsächlich weiter abzunehmen. Aber ohne Diät, sondern mit Bewusstsein und Disziplin. 
Mein nächstes Ziel ist ein UHU zu werden. Die Wette lautet mit einem Nicht-Operierten: Wer als erstes U100 ist. Tja mein Lieber, mach dich schon Mal bereit, für den Heißluftballonflug! Challenge accepted!
Ansonsten werde ich als Vorsatz jede Sekunde meines Lebens voll auskosten und genießen. Ich werde machen, was mir gut tut. Neues erleben, wonach ich mich schon so lange sehne. Reisen unternehmen, die mir bisher verborgen blieben. Nächte durch tanzen. Sportliche Herausforderungen annehmen. Shoppen, bis der Kleiderschrank platzt. 
Neues Jahr, ich freue mich auf dich! 

Ich wünsche euch allen da draußen ebenfalls ein wunderschönes neues Jahr mit kleinen und großen Erfolgen, mit möglichst wenig Gepäck und Glückshormonen, so viel ihr vertragen könnt!

Dienstag, 3. Januar 2017

Wessen Realität ist das eigentlich?

Meine letzten Worte liegen schon einige Zeit zurück. 
Ich wurde hämisch gefragt, ob ich zugenommen hätte und deshalb nicht mehr bloggen würde. Zum Trotze der Kritiker: Im Gegenteil!
Aber manchmal holt einen das Leben ein. Dann gilt es, sich selbst und die Realität in Einklang zu bringen.

Die ersten äußerlichen Veränderungen nach der OP führen erfahrungsgemäß erst einmal zur Zustimmung, Bestärkung, höchstens zur Bewunderung. Genauso aufregend wie das für einen selbst ist, scheint es auch für die Umwelt zu sein, zumindest wenn die Freunde, Kollegen, Familie, Bekannte eng mit einem verbunden sind.
Die charakterlichen Veränderungen jedoch sind unbequem. Unbequem für die, die im Zuge dessen, mit sich selbst konfrontiert sind. Veränderungen eines anderen machen Angst. Es ist leichter, die Veränderungen eines anderen zu kritisieren, als bei sich selbst zu schauen. 
Entwicklung bedeutet Verlust. Verlust kann schmerzhaft sein. Verlust kann aber auch neue Wege bereiten.

Manchmal trifft man Entscheidungen in seinem Leben. Entscheidungen, die für manche plötzlich kommen, mit denen manche gerechnet haben, andere überfordert sind. 
Alle bilden sich eine Meinung. Alle wissen, was gut für einen ist. Aber es sind immernoch meine Entscheidungen. Meine ganz allein. Ich treffe meine Entscheidungen, denn ich muss mit ihnen leben. Ich muss sie leben. Ich erwarte kein Verständnis für meine Entscheidungen. Aber ich erwarte Akeptanz dafür, dass ich meine Entscheidungen treffe.

Als ich beschlossen habe, mich operieren zu lassen, war das auch meine Entscheidung ganz allein.
Ich erinnere mich an die Warnungen.. "Pass bloß auf, dass du dich nicht auch charakterlich veränderst!" "Nicht abheben!" "Bleib bitte die Alte!" 
Mir war bewusst, dass es Veränderungen geben wird. In welcher Form kann man nicht erahnen. Jeder ist da unterschiedlich.

Ich reflektiere mich und mein Verhalten oft, zu oft. 
Die Rückmeldungen, die ich zurzeit bekomme, sind unterschiedlich - spannend! Ein großer Teil nimmt Veränderung wahr; ordnet diese positiv ein. Ein anderer Teil sieht es deutlich kritischer. Sie wollen die alte zurück. Ich sei nicht mehr wieder zu erkennen. Ich würde abheben.

Ich würde nicht behaupten, dass sich grundlegend mein Charakter verändert hat. Es haben sich Ansichten verändert. Dinge sind plötzlich wichtiger geworden, andere sind in den Hintergrund gerrückt. Ich sehe Situationen egoistischer. Bedürfnisorientierter. Viel zu lange habe ich auf das Leben verzichtet. Hab mich selbst eingeschränkt. Habe mich hinter Entscheidungen und Einstellungen versteckt, weil ich mir so manches Mal selbst im Weg stand. Ich war damit beschäftigt, dick durchs Leben zu kommen und möglichst geschmeidig das Leben zu erledigen.
Nein, ich bereue mein bisheriges Leben nicht. Ich habe es nicht ausgetauscht und ich lasse es auch nicht gänzlich hinter mir.

Ich brauche keine Bestätigung für das, was ich äußerlich geleistet habe. Ich brauche auch keine Bestätigung für mögliche positive innerliche Veränderungen. Ich verschließe auch nicht Ohren und Kopf vor Kritik und den Hinweis auf negative Veränderungen. Aber ich habe es auch satt, mich für mein momentanes Sein, für meine Entscheidungen, für mein Denken und für mein Handeln zu erklären und rechtfertigen zu müssen. Oder beweisen zu müssen, dass ich mir über die Tragweite mancher Entscheidungen bewusst bin.

Ich will mein Leben genießen. Ich möchte das machen, worauf ich Lust habe. So lange ich die wichtigsten Dinge in meinem Leben nicht aus den Augen verliere, erlaube ich mir das auch. 
Ich wirke vielleicht ein bisschen wirr.. übertreibe auch.. alles ist ein bisschen schnelllebiger zurzeit.. ich bin ein wenig verpeilt.. ich denke zu viel.. feiere viel.. bin viel unterwegs.. 
ABER ich habe einen festen guten Job, bin finanziell grundsätzlich abgesichert, habe eine schöne Wohnung, die ich ganz bald beziehen kann, ich habe unglaublich tolle Freunde, habe verlässliche Familie, ich fühle mich körperlich immer besser und bin belastbarer, kümmere mich um meine Gesundheit, gehe Verpflichtungen nach... Wer verbietet mir also, manche Dinge ein wenig lockerer zu sehen?
Ich bin frei. Ich habe mich befreit. Die OP hat wesentliches dazu beigetragen. Ich bin dankbar. Dankbar für diese Erfahrung.

Beim nächsten Mal werde ich darauf eingehen, wie es mit der Abnahme läuft, wie sich 5 Monate als Schlauchi anfühlen und wie so die Vorsätze für ein neues Jahr aussehen. Heute brannte mir erst einmal so manch anderes auf der Seele.

Sich entwickeln bedeutet neue Wege gehen. Neue Wege gehen, bedeutet Veränderung. Veränderung macht Angst. Angst macht ohnmächtig. Aber es bedeutet nicht altes streichen, vergessen und durch neues zu ersetzen. Es ist viel mehr die Herausforderung altes und neues zu Gegenwärtigem werden zu lassen und das, was einem wichtig ist, festzuhalten. Ich halte es fest. Und ich halte euch fest!!



 

Freitag, 18. November 2016

Jeder Schritt keine Selbstverständlichkeit!

Ich komme gerade vom Doppelkopf. Auch wenn wir heute kein Doppelkopf spielen konnten, weil uns Hannelore kurzfristig abhanden gekommen ist, ist es immer wieder schön, meine Lieben wiederzusehen, die schon so lang ein wichtiger Teil meines Lebens sind. Viel Zeit meines Lebens haben sie bisher eng begleitet. Nicht viele Menschen lasse ich so tief blicken.
Das letzte Mal Doppelkopf lag schon einige Zeit zurück, so dass ich heute natürlich auch von meiner momentanen Situation und den vergangenen Wochen berichtet habe. 

Mit einem Teil dieser Runde war ich Ende Mai für ein verlängertes Wochenende in Dänemark. Fritzchen äußerte heute, wie sehr er sich darüber erschrocken habe, dass ich so schnell auf dem Weg zum Strand schlapp gemacht habe. Wie wenig belastbar ich war. Wenige Schritte, die furchtbar anstrengend für mich waren. Er kann das wahrlich beurteilen, da wir schon verdammt viel miteinander erlebt haben.

Ja, zum Schluss war selbst der Weg nach Rewe in der Mittagspause to much für mich. Nichts mehr, was ich freiwillig mit Freude gelaufen bin. Der Weg zur Mülltonne, zum Cafe, beim Einkaufen... alles zu viel!
Am allerschlimmsten war es, diese Wege mit jemanden zusammen zu gehen. Das Schnaufen, die Rückenschmerzen, der Wunsch stehen bleiben zu wollen... All das wollte ich möglichst niemanden offenbaren. Hat natürlich nicht geklappt, ich weiß! Ganz vermeiden lies es ich eben nicht immer.

Jeden täglichen Schritt feiere ich nun. So etwas basales wie das Laufen nehme ich so bewusst wahr. Kein Schritt soll in mein Unterbewusstsein verschwinden. Mit jedem Schritt führe ich mir vor Augen, wie wertvoll diese neugewonne Freiheit ist. Welche Bedeutung so scheinbar Selbstverständliches hat.
Nein, ich brauche keinen Parkplatz mehr direkt vor der Tür. Ich brauche auch keinen Drucker im Büro. Ich will laufen! Boden unter den Füßen spüren.

Mein Lieber, ich danke dir für so ehrliches "vor die Augen führen". Für die so wichtige Konfrontation mit dem was war, nicht mehr ist und hoffentlich nie wieder sein wird.  

Geduldig sein? Och nö!

Mit Geduld endete mein letzter Post, die Gedanken dazu jedoch noch nicht.
Geduld ist wohl in jeder Lebenslage eine sinnvolle Eigenschaft. Geduldig und Schlauchi sein eine Geduldsprobe.

Anfangs steht der Entschluss sich einen Termin für ein Erstgespräch im Klinikum geben zu lassen. Zwei Jahre hat es gedauert, bis ich mich endlich durchringen konnte, die Nummer zu wählen. So lange und dann möchte man diesen Termin am liebsten schon Morgen haben. Bloß geduldig sein!

Es gibt verschiedene Zeitspannen vom Erstgespräch bis zur Antragsstellung bei der Krankenkasse. Das ist davon abhängig, wie erfolgreich man sich über die Jahre fett gefuttert und wie viele Begleiterkrankungen man hat.
Ich habe so viel auf die Waage gebracht, dass ich locker die drei Monate MMK (Multimodales Therapiekonzept) gebucht habe. "Hast du ein Glück.", sagten verschiedene Personen zu mir. Glück? Hallo? Glück, dass ich mich habe so gehen lassen? Glück, dass ich so dick bin, dass ein lebensbedrohlicher Zustand erreicht ist? Glück, dass ich mich nur drei Monate mit dem Thema auseinander setzen muss, bevor ich einen Antrag bei der Krankenkasse auf Kostenübernahme stellen darf?
Nein, eine weitere verdammt harte Erkenntnis, wie weit man es getrieben hat.
Ich halte das MMK übrigens für äußerst sinnvoll. Dazu aber ein anderes Mal mehr.

Mit Erstgespräch begann jedenfalls mein MMK. Eng getaktete Ernährungsberatung, regelmäßiger Sport, psychosomatische Begutachtung, regelmäßige Besuche der Selbsthilfegruppe, Infoveranstaltungen, Ernährungsprotokolle, Diätprotokolle, Blutuntersuchung, Ärztehopping..... Termine über Termine. Warten auf Berichte! Zwischendurch immer der Druck bloß keinen Gramm zuzunehmen. Freude über jeden Gramm den man abgenommen hat. Bloß geduldig sein!

MMK erfolgreich mit 6,8 kg Abnahme erledigt. Check! Zweitgespräch in der Klinik. Check! Warten auf das Zweitgutachten. Check! Antragsformulierung. Check! Antragsabgabe. Check! Waaaaaaarten. Brief der Krankenkasse, dass der Antrag zum MDK abgegeben wurde. Warten. Durchdrehen. Warten. Zweifeln. Warten. Bloß geduldig sein!

Drei Wochen später dann die Nachricht, dass die Operation genehmigt ist. Ich hab geweint. Ich habe geschrien. Keine Worte. Unendliche Erleichterung. Pures Glück. Keine Sekunde habe ich ab da mehr gezweifelt. Keine Sekunde hatte ich auch nur Angst vor dieser OP, ein bisschen Aufregung vielleicht. Ich wusste, es ist das richtige, das einzig richtige.

Die größte Herausforderung bis zum OP-Termin zeigte sich dann in der 10tägigen Flüssigphase. Davon erzähle ich euch ein anderes Mal. Dazu braucht es mehr als zwei bis drei Sätze. Da ging es nicht mehr bloß um geduldig sein. Da kam ich an meine Grenzen. Nur so viel dazu: Ich höre lieber noch 10x mit dem Rauchen auf!

Ich wollte mich nochmals für all die unglaublichen (überraschenden, teilweise sehr rührenden) Rückmeldungen zu meinem Weg und vor allen Dingen zu dem Blog bedanken. Es bedeutet mir viel und stärkt mich wahnsinnig. Ich bin dankbar für alles, dankbar für euch!
Als ich mit dem bloggen anfing, war mir nicht klar, was für eine Reise beginnt. Aber sie ist ganz spannend. Deshalb werdet ihr wohl vorerst weiterhin von mir hören. Weiter verfolgen, unbedingt! Weitersagen, unbedingt!
Geduldig sein? Och nö!

Ganz fast ist die Arbeitswoche übrigens um. Habt alle einen kuscheligen Start in das Wochenende und freut euch mindestens genauso auf den morgigen Samstagabend, wie ich es tu!
Was ist los? Es ist Party angesagt!